Ein Weihnachtsmord

Eine kleine, etwas andere, vorweihnachtliche Kurzgeschichte von Stefan Jurisch

Hier stehe ich auf einer Anhöhe. Ich will fliehen, doch obwohl jung, gesund und stark , bleibe ich regungslos, wie versteinert, stehen. Gefrorener Waldboden. Ich kann mich nicht bewegen. Zitternd vor Angst und Kälte starre ich ins schneebedeckte Tal und hoffe, dass er mich nicht findet. Noch ist nichts zu sehen oder zu hören. Nur der Wind singt eine leise gehauchte Melodie während er ein paar Schneeflocken aufwirbelt und Daunen gleich vor sich her treibt.

Ach, könnte er mich doch auch hinfort tragen. Doch nach wie vor verharre ich in meiner Regungslosigkeit, zitternd, mit ängstlich gen Tal gerichtetem Blick.

Dann höre ich es. Rrrrrräng-tack-tack-tack. Ganz leise nur, aber immer wieder. Dieses aggressive, furchteinflößende Geräusch. Rrrrrrräng-rrrrrrräng-tack-tack-tack. Schleichend aber dennoch deutlich steigt das blanke Entsetzen in mir auf, und mir wird warm. Aber diese Wärme ist nicht schön. Nein. Sie gleicht der gefährlichen Hitze eines alles Leben verzehrenden Feuers. Und noch immer kann ich nicht weglaufen.

Rrrrräng-tack-tack. Es kommt näher, zunächst nur langsam, dann immer schneller und zielstrebiger. Er wird mich finden. Ganz sicher wird er mich finden. Und dann? Ich sehe ihn noch nicht, aber immer deutlicher kann ich das Geräusch hören. Rrräng-tack-tack-tack. Ich habe mal gehört, Angst könne beflügeln, aber bei mir funktioniert das nicht. Ich scheine mich nur noch fester im Boden festzukrallen. Flügel. Nein. Ein Paar sich jetzt endlich ganz schnell bewegende Beine würden mir auch genügen. Rrrräng-tack-tack-tack. Ganz laut. Ganz nah.

Ein Knacken im Unterholz, ganz in meiner Nähe. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich weiß, dass er da ist. Ich höre ihn, ganz deutlich. Noch ein Knacken. Schnee rieselt leise zu Boden. Ein schweres Atmen. Ich sehe noch immer nichts. Tack-tack-tack. Hinter mir. Er hat mich gefunden. Grenzenlose Panik steigt in mir auf, die Hitze scheint mich innerlich zu verbrennen. Kalte, zähe Tropfen rinnen meine Haut hinab.

Rrrrrrrrrräääääääng. Unbeschreiblicher Schmerz durchflutet mich durch und durch. Wie tausende heiße Zähne frisst er sich durch mich hindurch. Aggressiv und gefährlich. Tödlich. Zum ersten Mal habe ich endlich das Gefühl, mich zu bewegen. Ja, ich bewege mich. Doch ich laufe nicht. Nein, ich falle. Ich will schreien, doch ich kann nicht. Rrräääng. Und noch bevor das Geräusch verstummt, falle ich in den den weißen, pulvrigen Schnee. Schöne, schmerzstillende Kühle. Meine Sicht verschwimmt, dann wird es dunkel um mich herum. Tack-tack-tack.

Ich werde wach. Es ist warm. Keine Anhöhe, kein schneebedecktes Tal mehr. Kein Unterholz, kein gefrorener Waldboden. Doch ich stehe wieder, aber es ist nicht so wie zuvor. Es fühlt sich nicht richtig an. Dauerhafter, stechender Schmerz nagt ganz tief unten in mir. Ich bin bedeckt mit goldenem Gras, bunte glänzende Kugeln spiegeln viele kleine Lichter wider, die an mir hängen. Schöner Anblick im bitteren Schmerz.

Dann sehe ich ihn. Er sitzt mir gegenüber. Er lächelt. Er hat Familie. Eine Frau, zwei Kinder, Großeltern. Sie lächeln. Schöner Anblick im bitteren Schmerz. Sie finden mich schön. Sie werden mich am Leben halten, weil sie mich so schön finden.

Doch in ein paar Wochen bin ich nicht mehr schön. Vergangen. Zuschanden.

Tot.